Ernst Lossa

Deutlich ist auf der linken Seite dieser so genannten Krankenakte rechts vom Datum 9.8.44 das Wort euthanasiert zu erkennen.
Ernst Lossa war weder krank noch behindert, trotzdem geriet er in die Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten. Er war ein Jenischer. Damals nannte man sie Zigeuner und man warf sie mit den Sinti und Roma in einen Topf. Die Nichtsesshaften, zu denen auch die Eltern von Ernst gehörten, waren den Nazi-Schergen ein Dorn im Auge. Wenn dann noch einer wie Ernst sich erlaubte, selbstständig zu denken, sich nicht anpassen wollte oder konnte, dann war sein Schicksal in der dunkelsten Zeit Deutschlands, in der ein Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre galt, schon besiegelt.
Und was sagen diese Augen?
Es ist ein forschender Blick, einer, der verstehen will – und ich sehe Verwunderung und Sehnsucht darin, Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit und Würde. Diese Augen fragen: Bist du ein Mensch, der mich so akzeptiert, wie ich bin? Respektierst du mich so, wie ich bin? Nimmst du mich mit in ein besseres Leben?
Und gleichzeitig: Was willst du Welt? Ich bin draußen. Ich schaue dich, ich schaue euch von außen an. Ich ergebe mich dir nicht!
Ernst wurde -wie viele jenische Kinder- von einem Kinderheim ins nächste geschickt, er beging Diebstähle, fügte sich nicht und landete schließlich am 20. April 1942 in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren. Die Begriffe Heilanstalt und Pflegeanstalt sind selbstverständlich irreführend. Spätestens seit Ende 1941, als dort eine so genannte Kinderfachabteilung eingerichtet wurde, bestand das Ziel darin, möglichst viele Kinder zu töten. Ernst durchschaute, dass er nicht in eine Heil- und Pflege-, sondern in eine Tötungsanstalt geraten war.
Er gehörte zu den Hunderttausenden, die als Lebensunwerte, rassisch Minderwertige, Arbeitsscheue, Behinderte, Sinti,Roma und Jenische verfolgt wurden.
Ernst wurde am 1. November 1929 in Augsburg geboren. Am 8. August 1944 erhält er auf Anordnung des Chefarztes Dr. Faltlhauser zwei tödliche Spritzen und stirbt am Tag darauf an den Folgen der Injektion, noch nicht einmal 15 Jahre alt.
Der Journalist Robert Domes erzählt in seinem Buch NEBEL IM AUGUST Ernsts Leben aufrüttelnd und anrührend. Fünf Jahre hat er dafür recherchiert. Das Buch gehört in jede Schulbibliothek und sollte in jeder Klasse als Lektüre gelesen werden parallel zur Behandlung des Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht. Es ist im cbj-Verlag erschienen (Nr. 30475)
Was mich besonders berührt: Ernst wurde, wie Anne Frank und Ana Novac, 1929 geboren. Anne hat vor ihrer Deportation ihr weltberühmtes Tagebuch geführt, für Ana war das Schreiben in den verschiedenen Konzentrationslagern der Lebensanker, an den sie sich klammerte. Von Ernst gibt es keine schriftlichen Zeugnisse. Er gehört zu den Vielen, der schweigenden, verschwiegenen Mehrheit, denen unendliches Leid zugefügt und himmelschreiendes Unrecht angetan wurde. Ich sehe Robert Domes Buch auch als ein Mahnmal für sie, deren Geschichte nicht mehr aus dem Dunkel dieser Zeit zu reißen ist.
Ernst Lossa (Wikipedia)
Ana Novac
Siehe auch Seite 4 meines Blogs!